Reformation aus globaler Perspektive (2/2017)

Reformation aus globaler Perspektive

Wacker, Marie-Theres | Wilfred, Felix | de Queiruga, Andres Torres

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Reformation, konfessionelle Antagonisierung, religiöse und kulturelle Differenzierung

Schilling, Heinz

Die offene memorialpolitische Situation des 500. Reformationsgedächtnisses gibt die Möglichkeit zu einer historisch sachgerechten Bestimmung von Leben und Werk des Wittenberger Reformators. Dazu ist es nötig, Luther, sein theologisches Denken und seine reformatorischen Ziele in den uns heute fremden Zeit- und Denkhorizont einzuordnen und sie in Beziehung zu setzen zu seinen Mit- wie Gegenspielern. So treten die Folgen der Reformation nicht, wie üblich, als triumphale Erneuerung oder häretischer Bruch hervor, sondern als Auseinandertreten eines in der lateinischen Christenheit tief verwurzelten Reformverlangens in zwei gleichwertige Zweige neuzeitlicher Kirchenreformen, die sich über Generationen hin antagonistisch formierten und eine tiefe Feindschaft entwickelten. Ursache war der absolute, im frühen 17. Jahrhundert nicht selten fundamentalistische Wahrheitsanspruch beider Zweige. Indem dieser sich mit den kulturellen und gesellschaftlichen Veränderungen seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert Zug um Zug lockerte, treten - so das für Gegenwart und Zukunft relevante Ergebnis der historischen Analyse - die einer spezifischen geschichtlichen Situation geschuldeten konfessionellen Antagonismen in den Hintergrund.

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Konstellationen der Reformation

Borgman, Erik

Neuere historische Darstellungen der Reformation enthalten immer auch Einschätzungen der Situation der Gegenwart. Und sie zeigen, dass die Reformation kein punktuelles Einzelereignis war, sondern sich aus einer ganzen Reihe von Ereignissen zusammensetzte, die zu einer tiefgreifenden Vervielfältigung von Kontexten und Weltanschauungen führten, mit denen wir es noch heute zu tun haben. Es war ein Paradox: Die Reformatoren strebten danach, einen Weg zurück zum wahren Christentum zu finden, doch führte dies letztlich zu einer sozialen und kulturellen Säkularisierung. Diese müssen wir einerseits als Tatsache akzeptieren, und andererseits sollten wir uns von ihr freimachen. Bedauernswert ist, dass dem radikalen Flügel der Reformation kaum Aufmerksamkeit geschenkt wird, obwohl er sich so kreativ darum bemüht hat, das Neue der zeitgenössischen Ereignisse im Lichte der biblischen Erzählungen zu verstehen.

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Die Einflüsse der reformatorischen Missionen auf Indien

Jeyaraj, Daniel

Der Beitrag geht der Frage nach, wie protestantische Christentümer, die von westeuropäischen und nordamerikanischen Missionaren nach Indien gebracht worden sind, die Inder im Allgemeinen und die indischen Christen im Besonderen beeinflusst haben. Indische Christen haben die vier miteinander verbundenen protestantischen Allein-Prinzipien - »allein Christus«, »allein aus Gnade«, »allein aufgrund der Schrift« und »allein durch den Glauben« - angenommen, im Licht ihrer eigenen, angestammten spirituellen Überlieferungen und Bräuche interpretiert und versucht, sie nicht so sehr in ihrer Kirchenarchitektur, Liturgie und Musik als vielmehr in ihren indigenen Liedern, Geschichten, Spruchweisheiten und Lebensentscheidungen zum Ausdruck zu bringen. Dieser Artikulationsprozess ist und bleibt unvollendet, schreitet aber beständig voran.

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Die theologische Bedeutung der Veränderungen Luthers am griechischen und lateinischen Text der Paulusbriefe

Noya, Manuel Santos

In seinem „Sendbrief vom Dolmetschen“ formuliert Luther zwei wichtige Grundsätze seiner Vorgehensweise als Übersetzer. Erstens: Seine Bibel muss Deutsch sprechen, und nicht Griechisch oder Latein. Sie darf sich also nicht sklavisch an den Buchstaben klammern. Zweitens: Seine Übersetzung muss den im Text enthaltenen tiefen theologischen Sinn aufleuchten lassen, das heißt die theologische Bedeutung ist wichtiger als der Wortsinn. Daher kommt es, dass sein Neues Testament, vor allem dessen erste Ausgaben, nicht selten vom griechischen Text und der Vulgata abweicht. Die Mehrzahl dieser Abweichungen ist stilistischer Art und absolut irrelevant. Doch einige wenige (zum Beispiel hinsichtlich 1 Kor 7,8 und Gal 5,5–6) stellen echte Veränderungen des paulinischen Textes dar. Dieser Beitrag handelt insbesondere davon.

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»Die ganze Kirche ist voller Vergebung der Sünde«

Matošević, Lidija

Der Beitrag skizziert zunächst die zur Zeit der Reformation gängige kirchliche Ablasslehre in ihrer Verbindung mit dem Bußsakrament und konfrontiert sie mit der Kritik, die Luther daran übte, sowie seiner theologischen Antwort, der Rechtfertigung allein durch den Glauben. Hinter der kirchlichen Ablasslehre werden sodann zwei miteinander zusammenhängende theologisch-praktische Themen ausgemacht, von denen her sich auch ökumenische Impulse entwickeln lassen. Das eine ist das Thema der Kirche als Gemeinschaft der Heiligen, zu der die Verstorbenen, aber eben auch die hier und jetzt auf dem Weg befindlichen Glaubenden gehören, auch wenn sie sich immer wieder in Sünde verstricken. Das andere Thema ist das des konkreten Leids und Elends von Menschen, dem in der Solidarität der Gemeinschaft von Heiligen mit aktivem „Güterausgleich“ begegnet werden soll.

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»Die Reformation radikalisieren«

Duchrow, Ulrich

Eine internationale Forschungsgruppe hat unter dem Motto „Die Reformation radikalisieren...“ unter Rückgriff auf die Bibel (auch die Achsenzeit-Religionen) und angesichts der heutigen Krise die Ambivalenz Luthers herausgearbeitet. Seine biblisch begründete Kritik am Frühkapitalismus als Pseudoreligion und Raubsystem kann heute direkt aufgegriffen werden. Seine gewalttätigen Pamphlete gegen Juden und Muslime sind ein Rückfall ins konstantinische Christentum und haben verheerende historische Wirkungen bis hin zu Hitler ausgeübt. Da heute in allen Religionen befreiungstheologische Aufbrüche stattfinden und auch die offizielle weltweite Ökumene die imperiale kapitalistische Zivilisation verwirft, ist ein interreligiöses Bündnis für eine Kultur des Lebens Gebot der Stunde.

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Überlegungen zur »Reformation« heute

Younan, Munib

In diesem Beitrag geht es um die lutherischen Kirchen in aller Welt und darum, dass sich ihr Schwerpunkt in den globalen Süden verlagert hat; es geht um das Selbstverständnis des Lutherischen Weltbundes als Kirchengemeinschaft, die Unterschiede respektiert und sich der Gerechtigkeit – insbesondere der Gendergerechtigkeit – verpflichtet weiß. Die zwei großen Herausforderungen, die hier behandelt werden, sind zum einen Fragen rund um Familie und Ehe und zum anderen der Klimawandel. Es werden drei Hinsichten genannt, in denen Luther für die Kirchen in der lutherischen Weltgemeinschaft weiterhin von Bedeutung ist. Die konfessionellen Unterschiede zwischen Christen werden als bereichernd und sinnvoll betrachtet. Zugleich müssen die Kirchen aber für die ökumenische und interreligiöse Dimension des Glaubens offen sein, zu denen auch der Dienst am Menschen sowie das Glaubenszeugnis in seinen unterschiedlichen Formen zählen.

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Die Teilhabe von Frauen an Amt und Leitungsaufgaben im Lutherischen Weltbund

Neuenfeldt, Elaine

Auf der Grundlage einer Erhebung des Lutherischen Weltbundes über die Teilhabe von Frauen am ordinationsgebundenen Amt und an Führungsaufgaben in den 145 Mitgliedskirchen des Lutherischen Weltbundes führt der Beitrag eine Analyse durch. Im Jahr 2013 verabschiedete der Lutherische Weltbund eine Richtlinie zur Gender-Gerechtigkeit. Die Frauenordination und die Förderung von Frauen in Führungspositionen ist ein wichtiger Schritt und schafft einen Freiraum, in dem Veränderungen möglich sind. Der Artikel bietet statistische Informationen und bettet sie in theologische Reflexionen ein.

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Begegnungen unter Gleichen

Sattler, Dorothea

Der Beitrag bietet eine Zusammenfassung der lutherisch – römisch-katholischen Dialoge nach dem 2. Vatikanischen Konzil. Die Regeln für ökumenische Dialoge werden im Sinne dieses Konzils erinnert. Die Geschichte der lutherisch – römisch-katholischen Dialoge wird dargestellt. Zentrale Inhalte (Rechtfertigungslehre, Verständnis der Sakramente, Theologie der Eucharistie, Ämterlehren, Schrift und Tradition) kommen zur Sprache. Im Jahr 2017 gilt es, sich der erreichten Annäherungen zu erinnern und Ausblick zu halten auf neue Wege der Ökumene. Am Ende des Beitrags wird daher die Frage aufgenommen, welche Bedeutung theologische Dialoge in der ökumenischen Situation heute noch haben können. Ein Votum für die Fortsetzung der Dialoge erfolgt. Neue Herausforderungen insbesondere im Bereich der theologischen Ethik sind dabei im weltweiten Kontext zu berücksichtigen.

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Die unvollendete Reformation

Moltmann, Jürgen

Nach eröffnenden Überlegungen zur verschwundenen Streitkultur der Reformationszeit und zur modernen Dialogkultur geht es um vier Themenbereiche, in denen auch heute Disputationsbedarf besteht. Unter dem Begriff der „Einheit“ ist nicht nur das Verhältnis der christlichen Kirchen untereinander zu bedenken, sondern auch der besondere Status des Judentums. Die Verurteilung der radikalpazifistischen „Schwärmer“ zur Zeit der Reformation muss heute bis in die Revision der Confessio Augustana hinein korrigiert werden. Die Rechtfertigungslehre ist sehr einseitig an den Tätern des Bösen orientiert und braucht die Erweiterung um den Blick auf das Elend der Opfer. Die Beschränkungen der Reformation auf Europa und auf den binnenchristlichen Raum, vor allem aber das Fehlen einer „Mission der Hoffnung“, sind kritisch aufzubrechen.

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